Spiegel, was ist das für eine Intelligenz?

Folgende Situation kennst du gewiss aus deinem eigenen Erleben. Du sitzt in der S-Bahn, im Zug oder im Wartebereich beim Gate an einem Flughafen. Dir gegenüber sitzt eine Person – oder es sind mehrere Personen. Du kennst sie nicht. Du siehst sie zum ersten Mal. Wenn du dir gönnst auf deine Empfindungen zu achten, so wirst du, je nachdem welche Person du betrachtest, unterschiedliche „Informationen“ empfangen. Meist messen wir diesen Informationen keine besondere Bedeutung zu und wir lassen sie als Gedanken einfach wieder ziehen.

Ich erinnere mich noch an manche Begegnung dieser Art. Und manchmal hatten diese „Informationen“ einen Inhalt, der mich veranlasste, die andere Person anzusprechen. So war ich einmal auf der Rückreise aus dem Westen der USA. Es gab Flugausfälle und so war ich inzwischen über 20 Stunden unterwegs – in Business Dress und mit Stoppelbart. Ich saß in einem ICE-Zugabteil auf der Strecke von Frankfurt nach Stuttgart. Gegenüber saß eine Frau. Meine Einschätzung war, dass sie wohl sehr viel reist und im Reisen zu Hause ist. Ich wäre jedoch nicht in der Lage gewesen zu sagen, warum ich diese Einschätzung hatte – Outfit und Gepäck waren es jedenfalls nicht. Ich sprach sie an und fragte nach dem Grund ihrer Reise. So berichtete sie mir, dass sie auf dem Weg nach München zu ihrer Familie ist. Sie arbeitete als Journalistin und war damals vorwiegend in Algier tätig.

Obwohl ich dieser Frau zuvor noch nie begegnet war und noch bevor wir miteinander gesprochen hatten, hatte ich in wenigen Augenblicken etwas Wesentliches von ihr bereits als Information: sie reist sehr viel.

Üblicherweise unternehmen wir nichts extra, um diese Fähigkeit weiterzuentwickeln. Und seit iPhones, Smartphones, Tablets und Co. die Massen erobert haben, haben sich die Gelegenheiten für derartige Begegnungen deutlich reduziert. Denn wir und andere sind mit unserem Mobil-Device beschäftigt und unsere Aufmerksamkeit für andere ist gedämpft.

Spiegelung als Arbeitsformat

Im Rahmen der Holistic Journey schaffen wir unter anderem durch unterschiedliche Spiegelungsformate Begegnungen, um unser Bewusstsein wachsen zu lassen. Wären die zuvor genannte Journalistin und ich im Rahmen der Holistic Journey unterwegs gewesen und uns in einem Spiegelungsformat begegnet, hätte sich die Begegnung vielleicht so abgespielt:

Ich hätte der Frau meine Spekulationen über sie mitgeteilt, wie beispielsweise, dass sie wohl sehr viel reist, dass sie an ihren Reisezielen mit einem sehr wachen Auge alles aufnimmt, dass sie Menschen anspricht und sich dafür interessiert, was sie tun und was ihre Wünsche und Absichten sind, etc. Vielleicht hätte ich auch gesagt, dass sie das, was diese Menschen ihr dann erzählen auch bewegt und sie Mitgefühl entwickelt, etc.

Diese Frau hätte meine Spekulationen einfach nur angehört. Manche meiner Spekulationen hätten sie irritiert, über manche hätte sie vielleicht gelacht, über manche hätte sie noch länger nachgedacht. Im Nachhinein hätte sie vielleicht gesagt: In meinem Job darf ich kein Mitgefühl entwickeln bei all dem, was ich da recherchiere. Vielleicht wäre ihr bewusst geworden, dass sie eben doch ein Mitgefühl entwickelt und dies zu unterdrücken versucht, weil es ja professionell nicht sein darf und was das für Auswirkungen auf sie hat.

Ich wäre mir vielleicht bewusst geworden, dass ich ein Stück meines eigenen Lebens in das, was ich dieser Frau mitteile hineinprojiziert hätte. Wahrscheinlich hätte ich auch bemerkt, dass manche Vorstellung sehr klar war und andere ziemlich verschwommen. Und ich hätte erlebt, dass ich Mut brauche, um meine Spekulation dem anderen mitzuteilen – im Alltag tun wir das ja nicht – es bleibt da unser Geheimnis. Und ich hätte festgestellt, dass ich dabei mit meiner kognitiven Intelligenz nicht wirklich etwas anfangen kann – genau die Intelligenz, die wir in unserem Bildungssystem an erste Stelle setzen, die wir mit Tests zu erfassen suchen und mit Noten oder Punkten auf einer Skala verorten und mit Zeugnissen und Titeln testieren.

Die Holsitic Journey verschafft uns Zugang zu anderen Formen von Intelligenz, die wir alle haben, doch oft so wenig nutzen.